Eifeler JagdkanzelDie beiden Jäger saßen schon einige Stunden auf dem Hochstand, ohne daß sich in dieser Zeit irgend etwas ereignet hätte. Der Ältere der beiden war ein kräftiger, untersetzt wirkender Mann, der die Jagd sehr ernst nahm. Daher griff er immer wieder nach dem Feldstecher und ließ den Blick suchend über den Rand der nahen Lichtung gleiten. Der Wald mit seinem dichten Unterholz begann dort, und der Jäger starrte oft wie hypnotisiert drein und fluchte dann regelmäßig leise vor sich hin, wenn sich wieder nichts zeigte. Nichts, außer ein paar munteren Vögeln, die frech in ihren Nestern saßen und ganz genau zu wissen schienen, daß sie nicht das waren, was die beiden Jäger gerne vor die Flinte bekommen hätten.
"Es ist wie verhext!" murmelte der ältere der beiden und wandte sich dabei halb zu seinem Jagdgefährten herum, der die ganze Sache weitaus weniger ernst zu nehmen schien. Er saß da, rieb sich die Hände und hatte in der Zeit, in der sie beide hier saßen bereits ein Großteil des Proviants verzehrt.
"Es ist ziemlich kalt!" maulte der Jüngere, dessen Nase schon ganz rot war. "Meinst du nicht, wir sollten langsam nach Hause gehen ?"
"Ach, komm schon" bohrte der Jüngere "Das bringt doch nichts mehr. Nicht einmal ein mageres Rebhuhn hat bis jetzt seinen Schnabel aus dem Unterholz herausgestreckt !"
"Wenn wir so nach Hause kommen, werden die anderen fürchterlich über uns lachen!" prophezeite der Ältere. Der Jüngere zuckte mit den Schultern.
"Das ist mir egal!" behauptete er. "Mir ist einfach kalt! Hier draußen holt man sich ja den Tod!"
"Still!" fuhr der Ältere plötzlich dazwischen und wirkte eine Sekunde lang wie erstarrt.
Der Jüngere runzelte die Stirn. "Was ist ?" erkundigte er sich mit einem Blick, der völlige Verständnislosigkeit ausdrückte.
"Da war was!" zischte der Ältere und griff gleichzeitig zu Feldstecher und Flinte.
"Ich sehe nichts!" maulte der Jüngere und verzog das Gesicht dabei. "Da war ein Geräusch!"
Und dann hörte es auch der Jüngere. Es klang wie ein Keuschen oder Grunzen. Äste knackten. Die Vögel, die soeben noch sorglos dagesessen hatten, stoben auf einmal davon.
"Was könnte das sein ?" fragte der Jüngere kopfschüttelnd. "Wildschweine" murmelte der Ältere in einem Tonfall, der fast so etwas wie Ergriffenheit ausdrückte. "Bist du sicher ?" fragte der andere. "Es ist lange her, seit in diesem Revier Wildschweine gesehen worden sind!".
"Aber es müssen Wildschweine sein!" belehrte ihn der Ältere, vom Jagdfieber gepackt. "Und zwar ziemlich viele!"
"Hört sich an, als würden die alles niedertrampeln, was ihnen in den Weg kommt!" meinte der Jüngere schauernd.
"Du hast wohl noch nie so einem ausgewachsenen Keiler gegenübergestanden, was ?" lachte der Ältere.
"Nein" , gab sein Gefährte zu. Das Keuchen und Grunzen wurde lauter. Die beiden Jäger legten die Flinten an und warteten. Im Unterholz schien sich etwas zu bewegen, bevor es wenig später aus dem Dickicht herausbrach und auf die Lichtung kam. Die beiden Jäger ließen augenblicklich die Flinten sinken, denn für das Wild, das da aus dem Wald kam, bestand leider ganzjährige Schonzeit.
"Pap!" machte der Jüngere. "Schöne Wildschweine sind das!"
Der Ältere atmet tief durch. "Radfahrer!" murmelte er nur und blickt auf die mit Helmen und Knieschützern bewehrten jungen Leute hinab, die mit ihren Mountain-Bikes über die Lichtung schwärmten.